Das globale Rennen um den Aufbau von Infrastruktur für künstliche Intelligenz verleiht dem Welthandel starken Schwung - auch in Zeiten höherer Zölle und geopolitischer Konflikte. Zu diesem Ergebnis kommt die neueste Ausgabe des DHL Globalization Tracker, den DHL und die Stern School of Business der New York University veröffentlicht haben. Der Bericht untersucht internationale Ströme von Handel, Kapital, Information und Personen. Er basiert auf mehr als 30 Millionen Datenpunkten und bietet die umfassendste verfügbare Analyse zum Stand der Globalisierung.
In der vorliegenden Ausgabe erscheint der Bericht erstmals unter neuem Namen. Zuvor hatte er „DHL Global Connectedness Tracker“ geheißen.
Der weltweite Warenhandel ist im ersten Halbjahr 2026 laut dem Bericht schneller gewachsen als in jedem anderen Halbjahr der vergangenen 15 Jahre - mit Ausnahme der außergewöhnlich volatilen Covid-19-Zeit. Ein wichtiger Treiber war die starke Nachfrage nach Gütern für den Aufbau von KI-Infrastruktur - etwa Halbleiter und Technik für Datenübertragung. Der Handel mit solchen Gütern trug im Jahr 2025 zu 42% des Wachstums im Warenhandel bei. Im ersten Quartal 2026 waren es laut Analysen von WTO und OECD sogar 76%.
„Das derzeit größte Thema im globalen Handel ist KI - nicht Zölle“, sagt John Pearson, CEO von DHL Express. „Jede KI-Abfrage gründet letztlich auf Logistik: Chips, Netzwerktechnik und die vielen anderen Güter hinter dieser Technologie müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. DHL verbindet die Unternehmen und Märkte in diesen komplexen Lieferketten. Wann immer Innovation neue Handelsströme hervorbringt, sorgt unser globales Netzwerk dafür, dass sie in Bewegung bleiben.“
Gleichzeitig haben der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus wichtige Handelsrouten beeinträchtigt. Die Folgen konzentrierten sich jedoch vor allem auf Volkswirtschaften, die von der Meerenge abhängig sind. So sank der Wert des Handels in Saudi-Arabien in den ersten fünf Monaten 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 37%. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ging er um 7% zurück.
Auch die Handelspolitik sorgte für Gegenwind. US-Zölle erreichten den höchsten Stand seit Jahrzehnten. Ihre globalen Auswirkungen blieben jedoch begrenzt. Einer der Gründe: Auf die USA entfielen in den vergangenen Jahren nur 13% der weltweiten Importe, und rund die Hälfte dieser Importe war - Stand August 2026 - von den Zollerhöhungen ausgenommen. Zudem verzichteten die meisten Länder auf umfassende Vergeltungsmaßnahmen. Viele verstärkten stattdessen ihre Bemühungen, sich durch neue Handelsabkommen Zugang zu alternativen Märkten zu sichern.
Laut aktueller Prognose soll der weltweite Warenhandel bis 2029 um durchschnittlich 3,4% pro Jahr wachsen. Das wäre deutlich schneller als die 2,7% im vergangenen Jahrzehnt.
„Überraschend ist nicht nur, dass der Welthandel trotz neuer Zölle und des Iran-Kriegs weiter gewachsen ist“, sagt Prof. Steven A. Altman, Leiter der DHL Initiative on Globalization am Center for the Future of Management der NYU Stern. „Die Aussichten sind heute sogar besser als vor diesen Schocks. Das verdeutlicht, dass die Widerstandsfähigkeit des Welthandels auf tieferen Fundamenten beruht. Der KI-Boom ist ein Beispiel dafür, dass technologischer Fortschritt oft eine länderübergreifende Kooperation von Spezialisten erfordert. Gleichzeitig zeigt der KI-Boom, wie flexibel Unternehmen sich immer wieder anpassen, um den Handel am Laufen zu halten - trotz Krisen und politischer Umbrüche.“
Von allen Regionen erzielte Ostasien und Pazifik das stärkste Handelswachstum. Der Wert des Handels der Region stieg in den ersten fünf Monaten 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 24%. Europa folgte mit 12% und Subsahara-Afrika mit 11%. Die Region Ostasien und Pazifik verzeichnete aber nicht nur das stärkste Wachstum. Ein größerer Anteil des Handels blieb auch innerhalb dieser Region. Dieser Anteil lag in den ersten fünf Monaten 2026 bei 60% - nach 57% im Gesamtjahr 2025. Zum Anstieg trugen starke asiatische Lieferketten bei, die für den KI-Boom wichtig sind.
Eine der markantesten Veränderungen bei den internationalen Strömen ist die Entkoppelung zwischen den USA und China. Die globalen Auswirkungen sind jedoch überraschend gering. Auf dem Höhepunkt im Jahr 2015 machte der Handel zwischen beiden Ländern 3,5% des Welthandels aus. In den ersten fünf Monaten 2026 waren es nur noch 1,6%. Noch geringer ist der Anteil der internationalen Unternehmensinvestitionen zwischen beiden Ländern: unter 1%. Gleichzeitig haben enge Verbündete der USA ihre Beziehungen zu China weitgehend aufrechterhalten. Diese Ergebnisse sprechen gegen die verbreitete Annahme, dass die Entkopplung zwischen den USA und China zu einer Teilung der Weltwirtschaft in rivalisierende Blöcke führen könnte.
Bei genauerer Betrachtung wird außerdem deutlich: Die Zahlen zum direkten Handel stellen die Abhängigkeit der USA von China nicht aussagekräftig genug dar. Denn Waren, die die USA aus anderen Ländern importieren, enthalten zunehmend chinesische Materialien und Komponenten. Berücksichtigt man auch diese indirekten Importe, ist die Abhängigkeit der USA von China bis 2024 nur leicht gesunken. Für spätere Jahre liegen noch keine Daten vor.
Der Bericht analysiert auch den Stand der Globalisierung im weiteren Sinne - auf Grundlage internationaler Ströme von Handel, Kapital, Information und Personen. Die Skala für den Grad der Globalisierung reicht von 0% (keine grenzüberschreitenden Ströme) bis 100% (Grenzen und Entfernungen spielen keine Rolle).
2025 stieg der Globalisierungsgrad der Welt mit 25,8% auf einen neuen Rekordwert. Der Handel mit Gütern für KI-Infrastruktur und KI-bezogene Investitionen spielten auch hier eine Rolle. Alle vier Kategorien von Strömen trugen zum neuen Rekord bei und wurden internationaler. Am stärksten globalisiert sind nach wie vor Informationsströme. Es folgen Kapital- und Handelsströme.
News vom: 07.10.2026
Foto: DHL Group



